SMS schreiben beim Autofahren – Wissenschaftliche Erkenntnisse

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SMS schreiben beim Autofahren – Wissenschaftliche Erkenntnisse

Nicht nur das Telefonieren während der Autofahrt erhöht das Unfallrisiko. Auch andere Nebentätigkeiten können dazu führen, dass der Fahrer/die Fahrerin abgelenkt ist und die notwendige Konzentration für die eigentliche Fahraufgabe fehlt. Komplexe Nebentätigkeiten erhöhen das Unfallrisiko um das bis zu 5,5-fache. Selbst weniger komplexe Aufgaben machen einen Unfall immer noch um das 1,6-2,7-fache wahrscheinlicher (Dingus et al., 2006).

Gerade das Schreiben von Kurznachrichten (SMS) während des Autofahrens führt zu Einbußen bei der Fahrleistung. So konnte Yager (2013) zeigen, dass sich die Reaktionsgeschwindigkeit durch das Eingeben einer SMS erheblich verlängert. Die Probanden reagierten circa eine Sekunde später auf ein Lichtsignal, wenn Sie während der Fahrt eine SMS verfassen mussten (Yager, 2013).

 

Was bedeutet eine Sekunde beim Autofahren?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf der Autobahn mit 120 km/h und halten den nötigen Sicherheitsabstand. Nach der Faustformel „halber Tacho“ würden Sie circa 60 Meter hinter Ihrem Vordermann her fahren. Die üblicherweise angenommene Reaktionszeit beträgt 1 Sekunde. Wenn Sie gerade eine SMS schreiben, kann sich Ihre Reaktionszeit also auf bis zu 2 Sekunden verlängern.

Innerhalb dieser 2 Sekunden legen Sie bei 120 km/h bereits über 65 Meter zurück.

In den 65 Metern ist Ihr Bremsweg noch gar nicht berücksichtigt. Bremst Ihr Vordermann spontan stark ab, um auf eine Gefahrensituation zu reagieren, haben Sie im Prinzip keine Chance mehr, einen Auffahrunfall zu vermeiden. Sollten Sie außerdem zu wenig Sicherheitsabstand gehalten haben, ist ein Unfall garantiert. Ohne das Schreiben der SMS bei der Fahrt wäre ein Unfall wohl noch vermeidbar gewesen.

 

Beim Schreiben von SMS wird es schwieriger die Spur zu halten

Hosking, Young und Regal (2009) fanden heraus, dass es für Autofahrer wesentlich schwieriger ist, die Spur zu halten, wenn gleichzeitig eine SMS eingegeben wird. Crandall und Chaparro (2012) konnten außerdem zeigen, dass gerade Smartphones mit Touchscreens diesen Effekt noch verstärken. Bei Touchscreens muss der Bildschirm häufiger beobachtet werden als bei einer mechanischen Tastatur, um die richtigen Tasten zu treffen.

Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2014 fasste die Ergebnisse von 28 Studien zum Thema „SMS schreiben beim Autofahren“ zusammen und kam zu dem Schluss, dass sich das Verfassen von Kurznachrichten negativ auswirkt auf Variablen wie Wahrnehmung, Reaktionszeit, Spurabweichungen, Geschwindigkeit und Unfallhäufigkeit (Caird, Johnston, Willness, Asbrdige & Steel, 2014).

 

SMS schreiben beim Autofahren erzeugt Stress

Eine Studie von Paridon, Hofmann und Schreiber (2015) verglich die Fahrleistung von Probanden, wenn diese gleichzeitig eine SMS entweder per Hand oder per Spracheingabe in Ihr Mobiltelefon eingeben mussten. Es zeigte sich, dass das Verfassen von Kurznachrichten während der Fahrt die Fahrleistung immer negativ beeinflusste, egal ob die SMS per Hand oder per Spracheingabe eingegeben wurde. Interessant an der Studie ist, dass die Probanden ebenfalls danach befragt wurden, wie sehr sie durch die zusätzliche Aufgabe (SMS schreiben oder sprechen) bei der Fahrt beansprucht waren.

Es zeigte sich, dass die Probanden die zusätzliche Beanspruchung selbst bemerkten. Es konnten demnach höhere Werte der subjektiven Beanspruchung gemessen werden, wenn die Probanden gleichzeitig Fahren und Kurznachrichten verfassen mussten. Dieser Effekt ließ sich durch objektive Messungen der Herz- und Atemfrequenz bestätigen. SMS schreiben oder sprechen während der Fahrt erzeugte höhere Belastung bei den Probanden als das bloße Fahren ohne Nebentätigkeiten (Paridon, Hofmann & Schreiber, 2015).

 

Fazit: Während der Fahrt lieber keine SMS verschicken

Bisherige Studien konnten zeigen, dass das Verfassen von Kurznachrichten während der Autofahrt zu schlechterer Fahrleistung und Gefahren führt, sei es durch eine erhöhte Reaktionszeit oder Abweichungen von der Fahrspur. Bei einer Eingabe über Sprachbefehle sind die negativen Auswirkungen geringer als bei manueller Eingabe, aber immer noch vorhanden. Außerdem erzeugt das Verfassen einer SMS beim Fahrer Stress, was sowohl durch subjektive als auch objektive Messungen gezeigt werden konnte.

Auf das Verfassen von Kurznachrichten sollte man während der Fahrt also konsequent verzichten. Die manuelle Eingabe von Kurznachrichten ist nach § 23a Abs. 1a StVO sowieso bereits verboten und wird mit einem Punkt in Flensburg und 60 Euro bestraft (Handy am Steuer – Aktuelle Urteile zum Thema). Außerdem kommen Sie ohne Nebentätigkeiten beim Fahren weniger gestresst und sicherer an Ihrem Ziel an.

Sollten Sie ganz dringend eine SMS verschicken müssen, greifen Sie auf die Spracheingabe Ihres Handys zurück. Die eventuell benötigten Apps sollten Sie natürlich bereits im Vorfeld auf Ihrem Handy oder Smartphone installiert haben. Das Herunterladen der Apps während der Fahrt wird sich ähnlich negativ auf Ihre Fahrleistung auswirken wie das Eintippen einer SMS.

 

Quellen:

Caird, J. K., Johnston, K. A., Willness, C. R., Asbridge, M., & Steel, P. (2014). A meta-analysis of the effects of texting on driving. Accident Analysis & Prevention, 71, 311-318.

Crandall, J. M., & Chaparro, A. (2012). Driver Distraction: Effects of Text Entry Methods on Driving Performance. Proceedings of the Human Factors and Ergonomics Society Annual Meeting, 56, 1693-1697.

Dingus, T. A., Klauer, S. G., Neale, V. L., Petersen, A., Lee, S. E., Sudweeks, J., Perez, M. A., Hankey, J., Ramsey, D., Gupta, S., Bucher, C., Doerzaph, Z. R., Jermeland, J., & Knipling, R. R. (2006). The 100-Car Naturalistic Driving Study, Phase II – Results of the 100-Car Field Experiment. DOT HS 810 593.

Hosking, S. G., Young, K. L., & Regan, M. A. (2009). The effects of text messaging on young drivers. Human Factors: The Journal of the Human Factors and Ergonomics Society, 51, 582–592.

Paridon, H., Hofmann, S., & Schreiber, F. (2015). Manuelle versus sprachgesteuerte Bearbeitung von SMS während einer Autofahrt: Effekte auf Leistung, Beanspruchung und physiologische Parameter. Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 61, (2015) Nr. 1, 28-32.

Yager, C. E. (2013). Driver Safety Impacts of Voice-to-Text Mobile Applications. Proceedings of the Human Factors and Ergonomics Society Annual Meeting, 57, 1869-1873.

Von | 2018-05-11T16:49:20+02:00 22. Januar 2018 - 15:17|Kategorien: MPU Nachrichten|Tags: , , |0 Comments

About the Author:

Christopher Schwarz ist Verkehrspsychologe und Geschäftsführer bei der DMB Science & Consulting GmbH (ehemals DMB Die MPU Berater GmbH). Seit 2018 ist er als Fachpsychologe für Verkehrspsychologie (BDP) zertifiziert.

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