Kontrolliertes Trinken – Eine Alternative zur Abstinenz?

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Kontrolliertes Trinken – Eine Alternative zur Abstinenz?

Wer seinen Führerschein wegen Alkohol am Steuer verloren hat und eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) absolvieren muss, fragt sich meist, ob er (oder sie) denn überhaupt noch Alkohol konsumieren sollte. Tatsächlich wird in einigen Fällen absolute Abstinenz gefordert, um die MPU überhaupt bestehen zu können. Aber dies ist nicht in allen Fällen so.

Viele Betroffene bestehen die MPU allein dadurch, dass sie ihren Alkoholkonsum deutlich reduzieren und ihre Trinkgewohnheiten ändern. Ihre Strategie ist das Kontrollierte Trinken. Also ein Alkoholkonsum, bei dem nur noch kontrollierbare Mengen getrunken werden und außerdem feste Vorsätze im Umgang mit Alkohol eingehalten werden (Tipp: Alkohol Risikoarm genießen).

So wäre zum Beispiel das spontane Bier bei einem Treffen mit einem Kumpel tabu. Stattdessen sollen die Betroffenen über einen längeren Zeitraum vorausplanen, wann und bei welcher Gelegenheit sie wie viel Alkohol konsumieren möchten.

 

 

Kontrolliertes Trinken – seit wann gibt es das?

Das Konzept des Kontrollierten Trinkens hat der deutsche Psychologe und Suchtforscher Joachim Körkel entwickelt, indem er sich bei der Suchthilfe deutlich von der Orientierung auf die reine Abstinenz abgegrenzt hatte. Er griff dabei auf ein Konzept zurück, das in den 1960er Jahren in den USA und in Australien entstanden war. Dabei schloss er es jedoch nicht aus, dass die Klienten dauerhaft abstinent leben, sofern sie sich frei und selbstständig dafür entscheiden. (Mehr Infos zum Thema Kontrolliertes Trinken).

Körkel hatte über Jahre hinweg als psychotherapeutischer Leiter in einer Suchtklinik gearbeitet. Dort hatte er erlebt, dass viele Patienten mit dem Gebot der totalen Abstinenz eben nicht zurechtkamen und nach der Therapie einen Rückfall erlitten. Obwohl die gängige Meinung damals lautete, dass ein Süchtiger seine Sucht nicht kontrollieren kann, schafften es viele Patienten, die kontrolliert tranken, ihren Konsum über einen langen Zeitraum hinweg auf einem niedrigen Level zu halten.

 

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Aktuelle Behandlungsmethoden sind wenig erfolgreich

Die Zweifel daran, dass sich Alkoholkonsum kontrollieren lässt, schrumpfen in jüngster Vergangenheit auch unter Therapeuten und Wissenschaftlern in Deutschland. Im Gegenteil wächst die Kritik an den aktuellen Behandlungsmethoden. Schließlich werden nur rund acht Prozent der Alkoholabhängigen professionell betreut und nur bei wenigen zeigt die übliche Abstinenztherapie Erfolge.

Dazu sagt Thomas Hilfemacher, Suchtforscher an der Medizinischen Hochschule in Hannover: „70 Prozent aller Alkoholabhängigen erleiden im ersten Jahr nach einer Therapie einen Rückfall, im zweiten Jahr trinken sogar 90 Prozent wieder.“ Und weiter: „Das bisherige Konzept ist nicht ideal“ (Quelle). Denn allein durch die Reduzierung des Konsums lassen sich negative Folgen wie etwa Krebs oder mögliche Schäden an der Leber eindämmen, wodurch auch Todesfälle als Folge des Alkoholkonsums vermieden werden könnten.

 

Wie sind die Erfolge beim kontrollierten Trinken?

Bei 10 bis 30 Prozent der Teilnehmer an einer kontrollierten Trinktherapie fällt irgendwann die Entscheidung, dauerhaft trocken bleiben zu wollen. „Doch die Entscheidung für Null-Alkohol haben die Betroffenen selbst gewählt“, wie Körkel sagt. „Es wurde ihnen nicht auferlegt. Daher stehen sie viel stärker hinter ihrem Entschluss.“

Ein Grund dafür liegt darin, dass sich die Betroffenen – auch wenn sie zur MPU müssen, weil sie ihren Führerschein verloren haben – nur schwer vorstellen können, nie wieder zu trinken. Etwa zwei Drittel aller Betroffenen, die eine Suchttherapie beginnen, wollen nicht dauerhaft abstinent leben, sondern möchten ihren Konsum eigentlich nur dauerhaft reduzieren.

Körkel ist deshalb der Meinung: „Wenn eine Person die Enthaltsamkeit komplett ausschließt und nur reduzieren möchte, dann sollten wir sie dabei professionell unterstützen.“ Er sieht eine große Gefahr darin, dass Menschen, die ihren Konsum ohne professionelle Hilfe reduzieren möchten, sogar noch tiefer in die Sucht hineinrutschen könnten.

Während in Deutschland erst langsam die ersten – auch von den Krankenkassen bezahlten – Kurse abgehalten werden, sind andere Länder schon ein Stück weiter. Beispielsweise zählt die Reduktion des Alkoholkonsums in den Niederlanden und in Großbritannien bereits zu den Standardbehandlungen. Das bedeutet: Patienten, die zum Entzug in eine Klinik gehen, können dort frei entscheiden, ob sie lediglich den Konsum reduzieren oder komplett auf die Droge verzichten möchten.

 

 

Wie lässt sich das Konzept umsetzen?

Ein Training zum kontrollierten Trinken kann sowohl in Einzel- als auch in Gruppensitzungen erfolgen. Das Behandlungskonzept umfasst Sondierungsgespräche, die im Vorfeld und im Nachhinein geführt werden, sowie ein Programm in mehreren Schritten. Die wichtigste Methode, um das kontrollierte Trinken zu verwirklichen, besteht darin, sich Trinkregeln aufzustellen und gegebenenfalls auch ein Trinktagebuch zu führen. So sollte es vorab festgelegte Tage geben, an denen nie getrunken wird.

Während des Programms steht im Vordergrund, die Selbstverantwortlichkeit des Patienten bezüglich seines Verhaltens zu fördern. Eine zwingende Voraussetzung, um an einem derartigen Programm teilnehmen zu können, besteht allerdings darin, dass die Patienten entsprechend dazu motiviert sind, ihre eigene Lebenssituation zu ändern.

Während des Trainings werden Manuale sowie Trinktagebücher genutzt, um dem Patienten ein strukturgebendes Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie sich und ihr Verhalten selbst kontrollieren können. Interventionen durch einen Psychotherapeuten sind während des Trainings nicht vorgesehen, können allerdings gegen Ende des Trainings nicht schaden, weil der Patient dadurch eine weitere Möglichkeit zur Selbstreflexion seines Verhaltens erhält, die er zukünftig nutzen und umsetzen kann.

 

Kontrolliertes Trinken und MPU

Das Kontrollierte Trinken ist ein Ansatz, der in der Wissenschaft höchst umstritten ist. Viele sind der Meinung, dass Alkoholabhängige besser ganz auf den Konsum von Alkohol verzichten, also abstinent leben sollten. Auch die MPU-Kriterien schreiben dies so vor.

Wer eine Alkoholabhängigkeit entwickelt hat, für den ist der Ansatz des Kontrollierten Trinkens in der MPU keine Option mehr. Hier müssen zwingend Abstinenznachweise beigebracht werden. Auch wenn davon ausgegangen werden muss, dass ein kontrollierter Umgang mit Alkohol nicht mehr möglich ist, muss man vor der MPU abstinent gelebt haben und dies auch nachweisen.

Dass ein kontrollierter Konsum nicht mehr funktioniert, zeigt sich zum Beispiel daran, dass Personen wiederholt mit großen Promillezahlen auffallen, dass bereits (Alkohol-)MPUs bestanden wurden und es dennoch wieder zu Auffälligkeiten kam oder dass die Betroffenen selbst berichten, ihren Konsum nicht mehr kontrollieren zu können. Auch in solchen Fällen wird in der MPU die völlige Abstinenz gefordert, selbst wenn die Diagnose eine Abhängigkeit nie gestellt wurde.

Die Kriterien der MPU sind also strenger als zum Beispiel die Empfehlungen eines Hausarztes, der einem lediglich rät, etwas weniger zu trinken. Dies liegt daran, dass an Fahrerlaubnisinhaber große Anforderungen gestellt werden. Man möchte sichergehen, dass eine Teilnahme am Straßenverkehr unter Alkoholeinfluss in Zukunft nicht mehr vorkommt. Wer es schafft, abstinent zu leben, für den ist das Risiko einer Trunkenheitsfahrt minimal.

 

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Von | 2018-05-11T16:49:22+02:00 10. Mai 2017 - 12:03|Kategorien: MPU Informationen|Tags: |0 Comments

About the Author:

Christopher Schwarz ist Verkehrspsychologe und Geschäftsführer bei der DMB Science & Consulting GmbH (ehemals DMB Die MPU Berater GmbH). Seit 2018 ist er als Fachpsychologe für Verkehrspsychologie (BDP) zertifiziert.

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